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Auszug aus
Ernest Wallmüller

Software Quality Engineering

07/2011, 426 Seiten, € 31,99
ISBN: 978-3-446-40405-2
S. 356-358
Software-Qualität - Ergonomie

Usability Engineering

Usability Engineering ist ein Teilgebiet von Human Computer Interaction (HCI), das sich mit der benutzergerechten Gestaltung von interaktiven Systemen und ihren Mensch-Maschine-Schnittstellen beschäftigt. Dabei werden neben Erkenntnissen der Informatik auch solche aus der Psychologie (vor allem der Medienpsychologie), der Arbeitswissenschaft, der Kognitionswissenschaft, der Ergonomie, der Soziologie und dem Design herangezogen.

Usability Engineering beschreibt einen iterativen Prozess, aus dem ein benutzerfreundliches User Interface hervorgehen soll. Wir definieren Usability Engineering als chronologisch strukturiertes Set von Verfahren zur Verbesserung der Gebrauchstauglichkeit (bzw. Usability) von Produkten, und zwar während ihres Entstehungsprozesses. Die Norm ISO 9241 definiert Gebrauchstauglichkeit so: „Das Ausmaß, in dem ein Produkt durch bestimmte Benutzer in einem bestimmten Nutzungskontext genutzt werden kann, um bestimmte Ziele effektiv, effizient und zufriedenstellend zu erreichen.“ (ISO 9241-11, Abs. 3.1 Gebrauchstauglichkeit)

Was man unter Usability versteht, wurde lange Zeit als „benutzerfreundlich“ bezeichnet. Mit der zunehmenden Beschäftigung mit diesem Gegenstandsbereich ging eine Veränderung in den Begrifflichkeiten von Benutzerfreundlichkeit über Benutzungsfreundlichkeit bzw. heute Benutzbarkeit oder Usability einher. Die Veränderungen in den Bezeichnungen sind Ausdruck der Bestrebungen, die subjektiv-individuelle Sicht von Benutzerfreundlichkeit um funktionale Aspekte im Begriff Gebrauchsfreundlichkeit bzw. Usability zu erweitern, die dann auch Eingang in die entsprechende Norm ISO 9241 gefunden haben.

Im Usability-Engineering-Prozess, der ein Teilprozess des Produktentwicklungsprozesses ist und zum Ziel hat, ein gebrauchstaugliches Produkt zu kreieren, wird eine Vielzahl von Methoden verwendet. Die Arbeitsschritte im UE-Prozess sind Analyse (Zielanalyse, Benutzeranalyse, Aufgabenanalyse), User Interface Design, Realisierung von Prototypen, Usability Tests und Betrieb. Der selektive Einsatz der geeigneten Methode zum richtigen Zeitpunkt garantiert ein Höchstmaß an Usability.

Zu den wesentlichsten Usability-Engineering-Methoden zählen unter anderem Contextual Inquiry, Personas (prototypische Benutzer) und Szenarien, Storyboards, Use Cases, Rapid Prototyping, User Interface Prototyping, User Interface Design mit Usability Guidelines und Styleguides sowie Usability Testing, aber auch Fragebögen. User sollen möglichst früh in den Entwicklungsprozess mit einbezogen werden, um die Zahl später Änderungen zu reduzieren. Eine gute Übersicht und Beschreibung dieser Methoden findet sich in [Rich10].

Ein benutzerzentrierter Design-Prozess berücksichtigt die Wünsche der Benutzer schon bei der Planung. Als zentrale Methode wird zu Beginn der Planung die Aufgabenanalyse angewendet. Dabei untersucht der Usability-Spezialist, wie die Nutzung des Produktes aussehen wird. Er bezieht schon echte Nutzer ein. Oft werden auch existierende Programme oder Prozesse untersucht, um typische Nutzungsvorgänge herauszufinden. Je nach Produkt und Projekt ist auch eine Feldstudie nötig oder sinnvoll. Diese Erkenntnisse fließen in die Requirements-Analyse des zu entwickelnden Produktes ein. Ist die Entwicklung dann fortgeschritten und können erste Prototypen erstellt werden, leistet der Usability-Spezialist auch dabei Unterstützung. In frühen Entwicklungsphasen bietet sich besonders eine Experten-Evaluation an, bei der der Usability-Spezialist sein Fachwissen bezüglich benutzerfreundlicher Produkte auf den Prototypen anwendet und Optimierungspotenzial aufzeigt. Dabei können solche Expertenevaluationen das Testen mit der Zielgruppe nicht ersetzen. Vor allem bei neuartigen Produkten, wie zum Beispiel Webanwendungen und Mobile Devices, sind reine Experteneinschätzungen gefährlich, da noch nicht genügend Erfahrungen und Wissen über die Nutzung vorliegen, um auf die Prüfungen mit echten Nutzern verzichten zu können [Hein03].

Deshalb sind erste Tests mit echten Nutzern sinnvoll, sobald testbare Elemente vorliegen. So können zum Beispiel bei Webseiten schon der Wortlaut der Navigation und die Kategorien mit echten Nutzern validiert werden. Dies kann sogar schon vor den ersten Prototypen erfolgen. Damit fließen die Erkenntnisse des Usability-Prozesses kontinuierlich in den Entwicklungsprozess ein.

Usability Engineering unterstützt den kompletten Lebenszyklus eines digitalen Systems. Je nach Projektphase werden bestimmte Methoden verwendet:

  • Planung

    In der Planungsphase werden die Erwartungen und Einstellungen von Benutzern an ihr Produkt ermittelt. Beispiele von Methoden sind Aufgabenanalyse, Produktanalysen, Gruppendiskussionen, Online-Befragungen, Feldstudien und Interviews.

  • Analyse

    Diese Phase berücksichtigt die Analyse von Benutzeraufgaben, Benutzungsszenarien (Use Cases), Arbeitsplätzen und typischen Benutzern (Zielgruppen, Personas). Zu den Methoden in der Analysephase zählen Online-Studien, Interviews (am Arbeitsplatz), Beobachtungen am Arbeitsplatz ebenso wie Focus Groups (Gruppendiskussionen) sowie die bewährten Methoden des Requirements Engineerings. Im Rahmen der Analyse werden die Anforderungen der User erhoben und Konkurrenzprodukte analysiert. Beispiele von Methoden sind Konkurrenz-Analysen, Personas und Use Cases, die zur Erstellung von Pflichtenheften beitragen können.

  • Design und Prototyping

    Hier erfolgt der komplette Entwurf der Benutzeroberfläche einer Anwendung. Dies reicht vom Maskenablauf bis zu detailgenauen Screens. Für das User Interface Design werden Usability-Richtlinien in einem Styleguide definiert, um die Konsistenz des Endprodukts und von Weiterentwicklungen zu gewährleisten. Designentscheidungen werden in einem Design Rational dokumentiert. Methoden sind Konzepterstellung, Card-Sorting, User Interface Design, Icondesign, Verwendung von Styleguides, Prototyp-Design und Prototyp-Evaluation.

  • Implementierung

    Die Programmierung des User Interfaces startet möglichst erst, wenn das Design vorliegt, um (teure) Änderungen während der Implementationsphase möglichst zu vermeiden. Während der Umsetzungsphase werden Tests von Systemkomponenten und Prototypen durchgeführt. Einzusetzende Methoden sind beispielweise Usability Tests und Experten-Reviews.

  • Qualitätssicherung und Testing

    Diese Aufgaben sollten bereits von Anfang an begleitend für das Produkt stattfinden. Methodisch werden Usability Tests, Experten-Reviews, Technische Überprüfungen, Akzeptanztests und Gutachten angewandt.

  • Betrieb und Weiterentwicklung

    Diese Phase umfasst Weiterentwicklung und Optimierung sowie die Integration neuer Funktionen und Inhalte in bestehende Systeme. Methodisch finden Vergleichstests, Restrukturierungen und Usability Testing neuer Funktionen statt.

Um eine hohe Benutzerfreundlichkeit für ein Produkt zu erreichen, kommt es jedoch nicht nur darauf an, die richtigen Methoden zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen. Erfolgskritisch ist auch, ob es gelingt, alle an dem Projekt Beteiligten (Stakeholder) von der Relevanz von Usability zu überzeugen und sie zur Umsetzung von Usability-förderlichen Maßnahmen zu bewegen. Der Usability-Spezialist bewegt sich in einem Projekt immer in einem Spannungsfeld verschiedener Interessen dieser Stakeholder.

Neben der Stimme des Nutzers gibt es die oft widerstrebenden Interessen der Entwickler, des Auftraggebers, der Designer, der Projektmanager und so weiter. In diesem Konzert verschiedener Stimmen muss die des Usability-Professionals hörbar bleiben und dem Nutzer ein Gewicht verliehen. Das ist nicht einfach. Im Prozess geraten die Endnutzer leicht aus dem Fokus. Drängende Probleme wie Zeit- und Geldmangel erscheinen dann schnell viel wichtiger als die Benutzerfreundlichkeit.

Auszug aus
Ernest Wallmüller

Software Quality Engineering

07/2011, 426 Seiten, € 31,99
ISBN: 978-3-446-40405-2
S. 356-358
Literaturhinweis

[Hein03] Heinsen, S., Vogt, P.: Usability praktisch umsetzen; Hanser 2003

[Rich10] Richter, M., Flückiger, M.: Usability Engineering kompakt. Benutzbare Software gezielt entwickeln; 2. Aufl., Spektrum Akademischer Verlag 2010

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Serie zum Thema Prozesse, veröffentlicht von QM-Experten deutscher Unternehmen gemeinsam mit der N5 GmbH und der Fachzeitschrift QZ

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